"Ein Hoch auf den Frieden" von Wladimir M.Grinin, 8. Mai 2012
Sehr geehrte Damen und Herren,
Exzellenzen,
Liebe Freunde!
Ich freue mich, wieder im historischen Gebäude des deutsch-russischen Museums sein zu dürfen, um zusammen mit Ihnen an den 8. bzw. 9. Mai 1945 zu erinnern und unsere Gläser auf den Frieden zu erheben.
Diese beiden Tage haben je nach Land und Sprache verschiedene Bezeichnungen: Der Tag des Sieges oder der Zerschlagung des Nazismus in Europa, der Tag des freien Europa oder des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa etc. Im Grunde genommen ist es egal, für welche Bezeichnung man sich entscheidet. Denn der Frühling 1945 brachte allen europäischen Völkern Befreiung und Hoffnung, Glück und Frieden zurück.
In seiner Amtsantrittsrede hat der Bundespräsident Joachim Gauck den Gedanken formuliert, man möge die Kraft zur Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen aus der Vergangenheit schöpfen. Sehr gerne möchte ich heute Abend diese These aus gegebenem Anlass aufgreifen und von meiner Seite ergänzend sagen: Sollte die Vergangenheit bei der Lösung heutiger Probleme „behilflich“ sein, so ist ihr ein wesentlicher Platz in der Gegenwart einzuräumen.
Sehr wohl kann man das auf die russisch-deutschen Beziehungen herunter brechen. Basierend auf dem Lebendighalten der Erinnerung an die schwierigen Kapitel gemeinsamer Geschichte, konnten wir eine Erinnerungskultur entstehen lassen, die uns in der Auseinandersetzung mit heutigen Unwägbarkeiten Halt und Stütze bietet. Eine Erinnerungskultur, die wir zu Recht als für uns Gemeinsame bezeichnen können.
Die Völker Russlands und Deutschlands haben im Krieg eine in ihrer Grausamkeit unvergleichliche Erfahrung gemacht, die sie wohl für immer geprägt hat. Nur langsam musste man lernen, nicht nur den eigenen, sondern auch den „fremden“ Schmerz wahrzunehmen und anzuerkennen. Beide Nationen haben begriffen, dass es lange nicht reicht, sich national alleine zu erinnern. Erinnerungskultur bedeutet stete und lebendige Arbeit des Sich-gemeinsam-Erinnerns. Eine Arbeit, die aus ehemaligen Feinden Partner gemacht hat.
Meine Damen und Herren!
Zur Erinnerungskultur gehören auch bestimmte Orte. Nicht zuletzt deshalb wurde vor 17 Jahren das deutsch-russische Museum Berlin-Karlshorst ins Leben gerufen, wo die Idee vom Sich-gemeinsam-Erinnern lebendig gestaltet werden konnte.
Die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten, in denen die bedingungslose Kapitulation Nazi-Deutschlands unterzeichnet wurde, wurden für meine Landsleute, die Nationen der Anti-Hinter-Koalition sowie für den überwiegenden Teil der Deutschen zu einem wahren Symbol der im Verlauf der Zeit ermöglichten ehrlichen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte. Hier wurden Maßstäbe gesetzt für die Vergangenheitsaufarbeitung zum Wohle der Gegenwart und Zukunft. Heute möchte ich noch einmal allen ausdrücklich danken, die mit viel Engagement und Hingabe an der Gestaltung der ersten Dauerausstellung mitgewirkt haben.
Doch mit dem Abschluss des einen, wird ein neues Zeitalter eingeläutet. Für mich ist das ein weiterer Beleg für das Nicht-müde-werden der gemeinsamen Erinnerungsarbeit. Ich will keinen Hehl daraus machen, dass wir große Erwartungen in die neue Dauerausstellung setzen.
Voll und ganz verlassen wir uns auf die Sachkompetenz der Macher und freuen uns auf die Wiedereröffnung des Museums zum Ende des Jahres. Doch ohne endgültigen Ergebnissen vorzugreifen, möchte ich im eigenen Namen sagen: Auf die Kontinuität kommt es an – ganz im Einklang mit der ehrlichen Erinnerungskultur, die hier im Laufe von knapp zwei Jahrzehnten herausgearbeitet wurde. Sie sollte unser Denken und Handeln prägen und uns weiter der moralische Kompass bleiben.
Denn schlussendlich geht es bei dem ehrlichen Erinnern um nichts anderes als um Friedenssicherung heute und morgen.
Liebe Freunde!
Lassen Sie uns in diesem Sinne unsere Gläser erheben
Auf den Erfolg des Umbauprojekts des Museums Berlin-Karlshorst,
Auf die voranschreitende Versöhnung zwischen Russen und Deutschen,
Auf den Frieden!